Lesen, Gesichter erkennen, Auto fahren: Für all das braucht dein Auge ein kleines Areal im Zentrum der Netzhaut, die Makula. Mit den Jahren kann genau diese Stelle Schaden nehmen. Die altersbedingte Makuladegeneration, kurz AMD, ist laut dem National Eye Institute (NEI) der USA eine der Hauptursachen für Sehverlust im höheren Alter. Vorweg: Vollständig blind macht AMD in der Regel nicht, denn das Sehen am Rand des Gesichtsfelds bleibt meist erhalten.
Die Makula: Zentrum des scharfen Sehens
Die Makula ist der zentrale Teil der lichtempfindlichen Netzhaut und sorgt für das scharfe Sehen geradeaus – für Buchstaben, Gesichter und feine Details. Ist sie geschädigt, kann mitten im Blickfeld ein verschwommener, verzerrter oder dunkler Bereich entstehen, während das Umfeld vergleichsweise gut sichtbar bleibt.
Ab etwa 55 Jahren steigt das Risiko laut NEI an. Weitere Faktoren sind AMD in der Familie, eine weisse Hautfarbe und das Rauchen – der Punkt, den du selbst beeinflussen kannst. Nicht jede Sehverschlechterung im Alter ist allerdings eine AMD; auch ein Grauer Star kann das Bild trüben.
Trocken oder feucht: zwei Verlaufsformen
- Trockene AMD: Sie betrifft die meisten Erkrankten. Die Makula wird mit der Zeit dünner, der Verlauf erstreckt sich meist über Jahre. Sie verläuft in drei Stadien: Das frühe verursacht keine Beschwerden; im mittleren bemerken manche ein leicht unscharfes Zentrum oder Mühe bei schwachem Licht. Die Spätform heisst geografische Atrophie: Netzhautzellen gehen in umschriebenen Arealen zugrunde.
- Feuchte AMD: Sie ist seltener, führt aber meist schneller zu Sehverlust. Unter der Netzhaut wachsen krankhafte Blutgefässe, aus denen Blut oder Flüssigkeit austreten kann – das schädigt die Makula.
Laut NEI kann jedes Stadium der trockenen AMD in eine feuchte übergehen, und die feuchte Form zählt immer zum Spätstadium.
Der Amsler-Gitter-Selbsttest
Weil AMD sich meist schleichend entwickelt, fällt eine Verschlechterung im Alltag oft lange nicht auf. Ein einfaches Hilfsmittel ist das Amsler-Gitter: ein Quadrat aus Gitterlinien mit einem Punkt in der Mitte. Die American Academy of Ophthalmology (AAO) empfiehlt Menschen mit AMD, es jeden Tag zu benutzen – so geht’s:
- Setz deine Lesebrille auf, falls du eine brauchst, und sorge für gutes Licht.
- Halte das Gitter etwa 30 bis 38 Zentimeter vor dein Gesicht.
- Deck ein Auge ab und schau mit dem anderen ruhig auf den Mittelpunkt.
- Achte dabei, ohne den Blick zu bewegen, ob alle Linien gerade wirken oder ob Stellen verschwommen, wellig, dunkel oder leer erscheinen.
- Wiederhole den Test mit dem anderen Auge.
Fällt dir dabei etwas auf, solltest du dich laut AAO umgehend in einer Augenarztpraxis melden; auch das NEI bezeichnet wellig wirkende gerade Linien als Warnzeichen einer späten AMD. Der Selbsttest ersetzt aber keine Kontrolluntersuchung – wie oft du eine brauchst, besprichst du dort.
Rauchen: der Faktor, den du selbst in der Hand hast
Eine Übersichtsarbeit im Journal of Ophthalmology (Velilla und Kollegen, 2013) bezeichnet Rauchen als wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktor für Entstehung und Fortschreiten der AMD. Eine darin zitierte Meta-Analyse von 2010 fand bei aktuell Rauchenden – je nach Studientyp – ein etwa 1,8- bis 3,6-fach erhöhtes AMD-Risiko, verglichen mit Menschen, die nie geraucht haben. Die meisten Studien, die auch die Rauchmenge erfassten, fanden eine Dosis-Wirkungs-Beziehung: je mehr Packungsjahre, desto höher das Risiko.
Die ermutigende Seite: Aufhören lohnt sich. Laut derselben Übersicht sinkt das Risiko nach dem Rauchstopp und kann sich nach rund 20 Jahren dem von Nichtrauchenden annähern – auch wenn einzelne Studien noch viele Jahre danach ein erhöhtes Risiko fanden. Weil Rauchen auch mit dem Fortschreiten der Erkrankung zusammenhängt, kann sich ein Stopp auch bei bereits bestehender AMD lohnen. Das NEI empfiehlt ausserdem regelmässige Bewegung, gesunde Blutdruck- und Cholesterinwerte sowie eine Ernährung mit grünem Blattgemüse und Fisch.
Behandlung: was heute möglich ist
Feuchte AMD: Spritzen gegen krankhafte Gefässe
Bei der feuchten Form treibt ein Eiweiss namens VEGF (vaskulärer endothelialer Wachstumsfaktor) das Wachstum der krankhaften Gefässe an. Anti-VEGF-Medikamente blockieren diesen Botenstoff. Laut NEI werden sie nach örtlicher Betäubung mit einer sehr feinen Nadel ins Auge gespritzt. Die Behandlung kann Blutungen und Lecks aus den Gefässen eindämmen und den Sehverlust bremsen. Da die Wirkung jeweils nur eine gewisse Zeit anhält, brauchen die meisten Betroffenen viele Injektionen – anfangs in der Regel monatlich, danach in individuell festgelegten Abständen. Deutlich seltener wird eine photodynamische Therapie eingesetzt, eine Kombination aus Medikament und Laser.
Späte trockene AMD: geografische Atrophie
Hier ist die Lage weniger eindeutig. In den USA wurden 2023 zwei Medikamente zugelassen: Pegcetacoplan (Syfovre) und Avacincaptad pegol (Izervay). Sie werden auf Dauer monatlich oder alle zwei Monate ins Auge gespritzt und dämpfen eine Immunreaktion, die Netzhautzellen schädigt. Laut AAO verlangsamten sie in Studien das Fortschreiten der geografischen Atrophie um etwa 14 bis 20 Prozent. Eine Verbesserung des Sehens zeigte keines der beiden Mittel; bei einigen Behandelten entwickelte sich zudem eine feuchte AMD. Selten trat nach Syfovre eine schwere Entzündung der Netzhautgefässe auf (retinale Vaskulitis), die laut AAO zu bleibender Erblindung führen kann.
In der EU fiel die Bewertung anders aus: Dort wurde Syfovre 2024 auf Empfehlung der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) die Zulassung verweigert. Das langsamere Wachstum der Areale brachte laut EMA keinen klinisch bedeutsamen Nutzen im Alltag, und regelmässige Injektionen bergen Risiken wie Entzündungen im Auge. Für das zweite Mittel (in der EU Izelvay genannt) zog der Hersteller den Antrag im Oktober 2024 aus ähnlichen Gründen zurück. Die Schweiz gehört nicht zur EU; über Zulassungen entscheidet hier Swissmedic. Ob diese Mittel in der Schweiz eingesetzt werden können und für dich überhaupt infrage kommen, klärst du am besten in einer augenärztlichen Sprechstunde.
Vitamine und Mineralstoffe: was AREDS und AREDS2 zeigen
Belastbare Daten zu Nahrungsergänzung für die Augen stammen vor allem aus zwei grossen Studien des NEI:
- AREDS: Die Studie mit 4’757 Teilnehmenden zwischen 55 und 80 Jahren testete eine hochdosierte Kombination aus Vitamin C (500 mg), Vitamin E (400 IE), Beta-Carotin (15 mg), Zink (80 mg) und Kupfer (2 mg). Bei Menschen mit hohem Risiko – also mit mittlerer AMD oder mit fortgeschrittener AMD in nur einem Auge – sank das Risiko, eine fortgeschrittene AMD zu entwickeln, um etwa 25 Prozent.
- AREDS2: Die Folgestudie mit 4’203 Teilnehmenden prüfte unter anderem Lutein (10 mg) und Zeaxanthin (2 mg) sowie Omega-3-Fettsäuren. Einfach zur AREDS-Rezeptur hinzugefügt, senkten sie das Risiko insgesamt nicht weiter. In der heutigen AREDS2-Rezeptur ersetzen Lutein und Zeaxanthin das Beta-Carotin – aus zwei Gründen: Ehemalige Rauchende, die eine Rezeptur mit Beta-Carotin einnahmen, erkrankten häufiger an Lungenkrebs, und die Variante mit Lutein und Zeaxanthin schnitt gegenüber der ursprünglichen Rezeptur leicht besser ab. Das NEI rät Rauchenden und Ex-Rauchenden deshalb ausdrücklich zur Variante ohne Beta-Carotin.
Genauso wichtig ist, was die Studien nicht zeigen: Laut NEI verhindern die Präparate nicht, dass eine AMD überhaupt entsteht, und bei früher AMD war kein Nutzen nachweisbar. Ob ein solches Präparat für dich sinnvoll ist, hängt also vom Befund ab – und den liefert nur eine Untersuchung des Augenhintergrunds.
Was du konkret tun kannst
- Warnzeichen ernst nehmen: Wellige Linien, ein dunkler oder verschwommener Fleck im Zentrum oder eine rasche Verschlechterung des Sehens gehören umgehend augenärztlich abgeklärt – die feuchte Form kann schnell zu Sehverlust führen.
- Familie im Blick: Kommt AMD bei Eltern oder Geschwistern vor, erwähne das bei deiner nächsten Augenuntersuchung.
- Bei bekannter AMD: Nutze das Amsler-Gitter täglich, halte Kontrolltermine ein und nimm Nahrungsergänzung nur nach augenärztlicher Rücksprache.
In unserer Praxis in Wallisellen gehört die Makula- und Nervenfasermessung zum AugenScreening.
Quellen
- National Eye Institute (NEI) — Age-Related Macular Degeneration (AMD) (2021) (öffnet in neuem Tab)
- National Eye Institute (NEI) — Treatments for Wet AMD (Advanced Neovascular AMD) (2024) (öffnet in neuem Tab)
- National Eye Institute (NEI) — AREDS/AREDS2 Clinical Trials (2025) (öffnet in neuem Tab)
- American Academy of Ophthalmology — All About the Amsler Grid and Daily Vision Checks for AMD (2025) (öffnet in neuem Tab)
- American Academy of Ophthalmology — What to Know About Syfovre and Izervay for Geographic Atrophy (2025) (öffnet in neuem Tab)
- European Medicines Agency (EMA) — Syfovre (pegcetacoplan): refusal of marketing authorisation (2024) (öffnet in neuem Tab)
- European Medicines Agency (EMA) — Izelvay (avacincaptad pegol): withdrawal of the marketing authorisation application (2024) (öffnet in neuem Tab)
- Velilla S, García-Medina JJ, García-Layana A et al. — Smoking and Age-Related Macular Degeneration: Review and Update, Journal of Ophthalmology (2013) (öffnet in neuem Tab)
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine augenärztliche Untersuchung oder Beratung. Bei plötzlichen Sehstörungen, Lichtblitzen, einem Schatten im Gesichtsfeld oder starken Augenschmerzen wende dich bitte sofort an eine Augenärztin, einen Augenarzt oder eine Notfallstation.