Der Grüne Star, medizinisch Glaukom, ist keine einzelne Krankheit, sondern eine Gruppe von Augenerkrankungen mit einem gemeinsamen Kern: Der Sehnerv wird nach und nach geschädigt. Das Heimtückische daran ist, dass du davon lange nichts spürst. Die Schweizerische Ophthalmologische Gesellschaft (SOG) zählt das Glaukom auch in der Schweiz zu den Hauptursachen für Erblindung bei Menschen über 60. Sie hält aber ebenso fest, dass ein früh erkanntes Glaukom über Jahrzehnte erfolgreich behandelt und stabilisiert werden kann.
Was im Auge passiert
Der Sehnerv besteht aus mehr als einer Million feiner Nervenfasern, die die Bildinformation vom Auge ans Gehirn weiterleiten. Sterben Fasern ab, entstehen blinde Stellen im Gesichtsfeld, wie die American Academy of Ophthalmology (AAO) beschreibt.
Eine Schlüsselrolle spielt der Augeninnendruck. Das Auge produziert laufend Kammerwasser, eine klare Flüssigkeit, die über den sogenannten Kammerwinkel wieder abfliesst. Fliesst weniger ab, als nachkommt, steigt der Druck. Als Normbereich nennen SOG und AAO etwa 10 bis 20 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg).
Der Druck allein erzählt allerdings nicht die ganze Geschichte:
- Manche Menschen haben erhöhte Werte, ohne je ein Glaukom zu entwickeln. Man spricht dann von okulärer Hypertension; weil das Risiko erhöht ist, wird das Auge engmaschiger kontrolliert.
- Beim Normaldruckglaukom nimmt der Sehnerv Schaden, obwohl die gemessenen Werte im Normbereich liegen. Laut SOG tragen vermutlich Durchblutungsstörungen am Sehnerv dazu bei, etwa bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder tiefem Blutdruck.
Das US-amerikanische National Eye Institute (NEI) fasst es so zusammen: Was für die eine Person ein normaler Druck ist, kann für eine andere schon zu hoch sein.
Warum es so lange unbemerkt bleibt
Die ersten Ausfälle betreffen laut SOG meist den mittleren Randbereich des Gesichtsfelds, gemäss NEI besonders häufig die Seite zur Nase hin. Weil das langsam geschieht und das scharfe Sehen in der Mitte lange erhalten bleibt, fällt es im Alltag kaum auf. Erst im fortgeschrittenen Stadium rücken die Lücken ins Zentrum. AAO und NEI gehen davon aus, dass rund die Hälfte der Menschen mit Glaukom nichts von der Erkrankung weiss. Ausgeprägte Gesichtsfeldausfälle können laut SOG dazu führen, dass die Voraussetzungen fürs Autofahren nicht mehr erfüllt sind.
Eine Meta-Analyse von Tham und Kollegen (2014), die 50 Bevölkerungsstudien auswertete, kam auf eine weltweite Häufigkeit von 3,54 Prozent bei den 40- bis 80-Jährigen. Für 2013 errechneten die Forschenden 64,3 Millionen Betroffene, ihre Hochrechnung für 2040 kommt auf 111,8 Millionen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO beziffert die Zahl der Menschen, die wegen eines Glaukoms eine Sehbehinderung haben oder erblindet sind, auf rund 7,7 Millionen. In Ländern mit hohem Einkommen wie der Schweiz fallen Glaukom und Makuladegeneration als Ursache von Sehverlust laut WHO vergleichsweise stark ins Gewicht.
Wer ein erhöhtes Risiko hat
Grundsätzlich kann jeder Mensch ein Glaukom entwickeln, auch in jüngeren Jahren. SOG, AAO und NEI nennen unter anderem diese Risikofaktoren:
- Alter: Ab 40 steigt das Risiko laut SOG an.
- Familie: Glaukom tritt in Familien gehäuft auf. Das NEI empfiehlt Betroffenen, ihre Angehörigen zu einer Untersuchung zu ermutigen.
- Starke Kurzsichtigkeit: Die SOG nennt eine Kurzsichtigkeit von mehr als –5 Dioptrien. Warum Kurzsichtigkeit weltweit zunimmt, erklärt unser Beitrag Kurzsichtigkeit nimmt zu.
- Herkunft: In der Meta-Analyse von Tham hatten Menschen afrikanischer Abstammung eine rund 2,8-fach höhere Chance (Odds Ratio) für ein Offenwinkelglaukom als Menschen europäischer Abstammung. Das Winkelblockglaukom war in Asien verbreiteter als in anderen Weltregionen.
- Kortison: Bei manchen Menschen kann es den Augeninnendruck ansteigen lassen. Nimmst du über längere Zeit kortisonhaltige Medikamente, empfiehlt die SOG deshalb regelmässige Kontrollen des Augendrucks.
- Weitere Faktoren: eine dünne Hornhaut, frühere Augenverletzungen, Diabetes, Bluthochdruck oder Migräne (AAO), laut SOG auch Rauchen und Schlafapnoe.
Wer mehrere dieser Faktoren mitbringt, hat ein zusätzlich erhöhtes Risiko.
Der Augeninnendruck als Stellschraube
Alter und Gene sind gegeben, der Augeninnendruck lässt sich hingegen mit einer Behandlung senken. Darauf zielen Tropfen, Laser und Operationen ab. Wie viel das bewirkt, zeigte der Early Manifest Glaucoma Trial (EMGT): 255 Menschen mit frühem Offenwinkelglaukom erhielten entweder eine Behandlung mit Laser und Tropfen oder zunächst keine. Die Behandlung halbierte das Risiko, dass die Erkrankung fortschritt, und jedes zusätzliche mmHg Drucksenkung ging mit einem um etwa 10 Prozent geringeren Risiko einher (Leske und Kollegen, 2003).
Für die Diagnose reicht eine einzelne Druckmessung allerdings nicht. SOG und AAO betonen, dass dazu auch die Beurteilung von Sehnerv und Kammerwinkel gehört, bei Verdacht ergänzt durch eine Gesichtsfeldprüfung und Messungen von Hornhaut- und Nervenfaserschichtdicke. Die Hornhautdicke kann den gemessenen Druck nämlich verfälschen.
Tipp, falls du dir die Augen hast lasern lassen: Nach LASIK oder PRK ist die Hornhaut dünner und mechanisch verändert. Laut EyeWiki, dem Fachportal der AAO, bleibt der tatsächliche Druck meist gleich, gängige Messmethoden können aber zu tiefe Werte anzeigen. In Studien reichte die Abweichung von kaum messbar bis über 5 mmHg. Erwähne einen früheren Eingriff deshalb bei jeder Augenuntersuchung.
Notfall Glaukomanfall
Eine besondere Form ist das Winkelblockglaukom, auch Engwinkelglaukom genannt. Dabei liegt die Regenbogenhaut so nah am Kammerwinkel, dass sie den Abfluss verlegen kann. Schliesst sich der Winkel vollständig, steigt der Druck innert kurzer Zeit stark an. Typische Warnzeichen eines solchen Anfalls sind:
- plötzlich verschwommenes oder schlechteres Sehen
- starke Augenschmerzen
- ein gerötetes Auge
- Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen
- farbige Ringe oder Lichthöfe um Lichtquellen
Such bei diesen Anzeichen sofort eine Augenärztin, einen Augenarzt oder die Notfallstation auf. Ohne rasche Behandlung kann ein Winkelblockglaukom laut AAO zur Erblindung führen.
Mildere Vorboten wie verschwommenes Sehen, Lichthöfe oder leichte Kopf- oder Augenschmerzen solltest du laut AAO ebenfalls so rasch wie möglich augenärztlich abklären lassen. Stärkere Weitsichtigkeit kann laut SOG einen Winkelblock begünstigen. Bei einem Engwinkelglaukom ist zudem Vorsicht mit pupillenerweiternden Medikamenten geboten, etwa mit manchen Antidepressiva oder Mitteln gegen Übelkeit. Viele Winkelblockglaukome entwickeln sich allerdings schleichend und ohne Beschwerden.
Behandlung: Tropfen, Laser, Operation
Heilen lässt sich ein Glaukom nicht, und verlorenes Gesichtsfeld kommt nicht zurück – darin sind sich SOG, AAO und NEI einig. Die Therapie soll deshalb verhindern, dass weiterer Schaden entsteht. Bei rechtzeitiger und ausreichender Behandlung ist eine Erblindung laut SOG heute selten geworden.
- Augentropfen stehen meist am Anfang. Sie wirken nur, wenn du sie täglich anwendest. Mögliche Nebenwirkungen sind laut AAO etwa Brennen, gerötete Augen, längere Wimpern oder eine veränderte Augenfarbe; manche Tropfen können auch Herzschlag und Atmung beeinflussen, besonders bei Asthma. Nenne deshalb Vorerkrankungen und andere Medikamente und setze die Tropfen nie ohne Rücksprache ab.
- Laserbehandlungen verbessern den Abfluss: beim Offenwinkelglaukom die Trabekuloplastik, beim Winkelblock eine winzige Öffnung in der Regenbogenhaut (Iridotomie). In der britischen LiGHT-Studie mit 718 Teilnehmenden mit Offenwinkelglaukom oder erhöhtem Augendruck brauchten 74 Prozent derjenigen, die als Erstbehandlung eine selektive Lasertrabekuloplastik erhalten hatten, auch nach drei Jahren keine Tropfen, um ihren Zieldruck zu halten.
- Operationen schaffen einen neuen Abflussweg, etwa per Trabekulektomie oder mit kleinen Implantaten. Weil der neue Abfluss vernarben kann, sind laut SOG vor allem in den ersten drei Monaten engmaschige Kontrollen nötig. Bei engem Kammerwinkel kann laut AAO auch das Entfernen der eigenen Linse den Druck senken, also derselbe Eingriff wie beim Grauen Star.
Unter Therapie sind laut AAO Kontrollen etwa alle drei bis sechs Monate üblich.
Vorsorge: Wann zur Untersuchung?
Die SOG empfiehlt ab dem 40. Lebensjahr eine erste augenärztliche Untersuchung, auch ohne Beschwerden. Liegen Risikofaktoren vor, sind frühere und regelmässige Kontrollen sinnvoll. Das NEI rät Menschen mit erhöhtem Risiko zu einer umfassenden Augenuntersuchung alle ein bis zwei Jahre. Wie oft du konkret gehen solltest, legt deine Augenärztin oder dein Augenarzt individuell fest.
In unserer Praxis in Wallisellen gehören Augeninnendruckmessung, Nervenfasermessung und Glaukom-Diagnostik zum Angebot der Augenheilkunde.
Quellen
- Schweizerische Ophthalmologische Gesellschaft (SOG) — Glaukom (Grüner Star), Patienteninformation (abgerufen 2026) (öffnet in neuem Tab)
- National Eye Institute (NIH) — Glaucoma (2026) (öffnet in neuem Tab)
- American Academy of Ophthalmology — Understanding Glaucoma: Symptoms, Causes, Diagnosis, Treatment (2026) (öffnet in neuem Tab)
- American Academy of Ophthalmology, EyeWiki — Tonometry after Refractive Surgery (2026) (öffnet in neuem Tab)
- Weltgesundheitsorganisation WHO — Blindness and vision impairment, Fact Sheet (2026) (öffnet in neuem Tab)
- Tham YC et al. — Global prevalence of glaucoma and projections of glaucoma burden through 2040, Ophthalmology (2014) (öffnet in neuem Tab)
- Leske MC et al. — Factors for glaucoma progression and the effect of treatment: the Early Manifest Glaucoma Trial, Arch Ophthalmol (2003) (öffnet in neuem Tab)
- Gazzard G et al. — Selective laser trabeculoplasty versus eye drops for first-line treatment of ocular hypertension and glaucoma (LiGHT), Lancet (2019) (öffnet in neuem Tab)
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine augenärztliche Untersuchung oder Beratung. Bei plötzlichen Sehstörungen, Lichtblitzen, einem Schatten im Gesichtsfeld oder starken Augenschmerzen wende dich bitte sofort an eine Augenärztin, einen Augenarzt oder eine Notfallstation.