Grundlagen

Kurzsichtigkeit nimmt zu: Ursachen, Risiken und was hilft

Bis 2050 könnte fast jeder zweite Mensch kurzsichtig sein. Was dahintersteckt, wie Tageslicht Kinder schützen kann und was Myopie-Kontrolle leistet.

Veröffentlicht am 7 Min. Lesezeit

Kurzsichtigkeit – in der Fachsprache Myopie – wird weltweit häufiger, vor allem bei Kindern und jungen Erwachsenen. Hier erfährst du die Gründe, die Risiken und was sich bei Kindern tun lässt – samt offener Fragen.

Die Zahlen: Bis 2050 könnte fast jeder zweite Mensch kurzsichtig sein

Eine viel zitierte Auswertung (Holden und Kollegen, 2016) fasste 145 Studien mit rund 2,1 Millionen Teilnehmenden zusammen. Demnach waren im Jahr 2000 etwa 1,4 Milliarden Menschen kurzsichtig, knapp 23 % der Weltbevölkerung. Für 2050 rechnet das Team mit rund 4,8 Milliarden, also 49,8 %. Die Zahl der Menschen mit hoher Myopie (in dieser Studie ab −5 Dioptrien) könnte im selben Zeitraum von 163 auf 938 Millionen steigen.

In Europa fand eine Analyse von 15 Bevölkerungsstudien (Williams und Kollegen, 2015) Kurzsichtigkeit bei 47 % der 25- bis 29-Jährigen – rund 1,7-mal so oft wie bei den 55- bis 59-Jährigen (rund 28 %). In städtischen Regionen Ost- und Südostasiens sind laut einer Cochrane-Übersicht von 2025 über 80 % der Jugendlichen am Ende der Schulzeit kurzsichtig.

Was im Auge passiert

Bei den meisten Kurzsichtigen ist der Augapfel zu lang gewachsen. Das Licht von entfernten Objekten bündelt sich dadurch vor der Netzhaut statt auf ihr – die Ferne wirkt unscharf, die Nähe bleibt klar. Dieses Längenwachstum findet vor allem in der Kindheit statt; je jünger ein Kind ist, desto schneller schreitet eine Myopie in der Regel voran.

Das Problem ist nicht nur die Unschärfe: In einem verlängerten Auge wird die Netzhaut gedehnt. Fachleute achten deshalb auch auf die Augenlänge in Millimetern.

Gene oder Umwelt?

Kurzsichtigkeit liegt teilweise in der Familie: Sind ein oder beide Elternteile kurzsichtig, steigt laut einer Übersichtsarbeit des International Myopia Institute (IMI, 2021) das Risiko für das Kind. Den raschen Anstieg erklären die Gene aber nicht – der Genpool ändert sich über wenige Generationen kaum, die Lebensweise dagegen schnell.

Als ursächlich belegt gelten vor allem zwei Umweltfaktoren:

  • Ausbildung: Genetische Analysen sprechen für einen echten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Eine in der Cochrane-Übersicht zitierte Studie schätzte pro zusätzlichem Ausbildungsjahr rund 0,27 Dioptrien mehr Kurzsichtigkeit – etwa 40 % davon erklärte weniger Zeit im Freien.
  • Wenig Zeit draussen: Der schützende Zusammenhang mit Zeit im Freien ist laut IMI stärker und einheitlicher belegt als jener mit Naharbeit.

Und die Bildschirme? Eine Meta-Analyse von 2025 (Ha und Kollegen) mit 45 Studien und rund 335’000 Teilnehmenden, im Schnitt 9 Jahre alt, fand: Pro zusätzlicher Stunde Bildschirmzeit am Tag war die Chance auf Kurzsichtigkeit um etwa 21 % höher, besonders im Bereich von einer bis vier Stunden. Die Daten stammen meist aus Beobachtungsstudien und beweisen keinen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang – Bildschirmzeit ist oft auch Zeit drinnen. Dass das Tablet schädlicher ist als dieselbe Zeit mit einem Buch, ist laut IMI nicht belegt, und in Ostasien begann die Zunahme lange vor den Smartphones. Womöglich zählen bei Naharbeit lange Phasen am Stück und ein kurzer Leseabstand mehr als die Gesamtdauer.

Tageslicht als Schutzfaktor

Ein besonders aussagekräftiger Beleg stammt aus Guangzhou in China (He und Kollegen, JAMA 2015): Sechs Primarschulen ergänzten den Stundenplan der ersten Klasse um eine tägliche 40-minütige Lektion mit Aktivitäten im Freien; zudem wurden die Eltern ermuntert, mit ihren Kindern nach der Schule, am Wochenende und in den Ferien mehr Zeit draussen zu verbringen. Sechs weitere Schulen dienten zum Vergleich. Nach drei Jahren waren in der Gruppe mit mehr Zeit draussen 30,4 % der zu Beginn nicht kurzsichtigen Kinder kurzsichtig geworden, in der Vergleichsgruppe 39,5 %.

Entscheidend scheint das Licht zu sein, nicht der Sport: Bewegung in der Halle zeigte laut IMI kaum Schutzwirkung. In Studien gilt ein Lichtwert über 1’000 Lux als Zeichen, dass jemand draussen ist. In Tierversuchen schienen mindestens 10’000 bis 20’000 Lux nötig, um das Augenwachstum deutlich zu bremsen; beim Menschen gibt es Hinweise, dass schon 2’000 bis 5’000 Lux wirken könnten. Vermutet wird, dass helles Licht in der Netzhaut den Botenstoff Dopamin freisetzt, der das Längenwachstum bremst – in Tierversuchen gut untersucht. Passend dazu schreitet Myopie im Sommer langsamer voran als im Winter.

Wie viel ist sinnvoll? Mehrere Studien deuten darauf hin, dass rund zwei Stunden pro Tag im Freien deutlich schützen können. Taiwan hat im ganzen Schulsystem Programme eingeführt, die Kindern mehr Zeit draussen verschaffen; danach ging der Anteil der Kinder mit verminderter Sehschärfe zunächst zurück. Wichtig: Tageslicht hilft vor allem, den Beginn einer Myopie hinauszuzögern; ob es eine bereits vorhandene bremst, ist weniger klar.

Warum jede Dioptrie zählt

Eine Brille macht die Sicht scharf – das verlängerte Auge bleibt aber, wie es ist. Eine Meta-Analyse aus Rotterdam (Haarman und Kollegen, 2020) zeigt, wie das Risiko für Folgeerkrankungen mit dem Grad der Myopie steigt (Odds Ratios, verglichen mit Menschen ohne Fehlsichtigkeit):

Folgeerkrankungleichte Myopie (bis −3 dpt)hohe Myopie (ab −6 dpt)
Netzhautablösungrund 3-fachrund 13-fach
Offenwinkelglaukom (Grüner Star)rund 1,6-fachrund 2,9-fach (mittlere und hohe Myopie zusammen, ab −3 dpt)
Myope Makulopathie (Schäden an der Netzhautmitte)rund 14-fachüber 800-fach (sehr unsicher)

Die Zahlen stammen aus Beobachtungsstudien und beschreiben Gruppen, nicht den Einzelfall – sie zeigen aber, dass auch leichte Myopie nicht völlig risikofrei ist. Ein Rechenmodell (Bullimore und Kollegen, 2021; zitiert in der Cochrane-Übersicht) schätzt, dass Menschen mit −8 Dioptrien im Durchschnitt knapp zehn Lebensjahre mit einer Sehbehinderung verbringen, bei −3 Dioptrien rund 4,4 Jahre.

Das gilt auch nach einer Korrektur: Brille, Kontaktlinsen, Augenlasern oder eine implantierbare Kontaktlinse (ICL) gleichen die Fehlsichtigkeit aus, verkürzen das Auge aber nicht. Wer stark kurzsichtig ist, sollte mit der Augenärztin oder dem Augenarzt besprechen, wie oft Kontrollen sinnvoll sind.

Warnzeichen: Eine Netzhautablösung ist ein Notfall. Tauchen plötzlich viele neue Punkte oder Fäden im Sichtfeld auf, siehst du Lichtblitze oder legt sich ein dunkler Schatten über einen Teil des Gesichtsfelds, geh sofort zur Augenärztin, zum Augenarzt oder auf eine Notfallstation. Mehr dazu im Ratgeber Lichtblitze und Russregen.

Myopie-Kontrolle bei Kindern: Was die Studien zeigen

Behandlungen zur Myopie-Kontrolle sollen das Längenwachstum des Auges bremsen. Die Cochrane-Übersicht von 2025 wertete dazu 104 Studien mit 17’509 Kindern von 4 bis 18 Jahren aus. In den Kontrollgruppen nahm die Kurzsichtigkeit im Median um 0,65 Dioptrien pro Jahr zu. So viel weniger Zunahme zeigte sich nach einem Jahr:

Methodeweniger Zunahme nach 1 JahrVertrauenswürdigkeit der Evidenz
Atropin-Tropfen, niedrig dosiert (unter 0,1 %)0,25 dptsehr niedrig
Atropin-Tropfen, mittel dosiert (0,1 bis unter 0,5 %)0,55 dptniedrig
Atropin-Tropfen, hoch dosiert (ab 0,5 %)0,90 dptmoderat
Brillengläser mit Plus-Zonen am Rand0,45 dptsehr niedrig
Multifokale weiche Kontaktlinsen0,27 dptsehr niedrig

Orthokeratologie – formstabile Linsen für die Nacht – bremste das Längenwachstum nach einem Jahr um rund 0,18 mm (moderate Evidenz). Kontaktlinsen, besonders über Nacht getragene, können aber das Risiko einer Hornhautinfektion (mikrobielle Keratitis) erhöhen, die das Sehen gefährden kann. Gute Hygiene ist deshalb Pflicht, und Beschwerden am Auge sollten rasch augenärztlich abgeklärt werden. Worauf es bei der Pflege ankommt, liest du im Artikel zur Kontaktlinsen-Hygiene.

Höhere Atropin-Dosen wirken stärker, führen aber häufiger zu Blendempfindlichkeit und unscharfem Sehen in der Nähe; nach dem Absetzen höherer Dosen schreitet die Myopie zudem eher wieder schneller fort (Rebound). Niedrige Dosen haben laut Cochrane weniger Nebenwirkungen, ihr Effekt ist aber auch kleiner und weniger sicher belegt. Ob und in welcher Form Atropin-Tropfen für ein Kind infrage kommen, klärt die Augenärztin oder der Augenarzt.

Auch wiederholtes schwaches Rotlicht zeigte in kurzen Studien mit Kindern in China Effekte. Die Evidenz ist aber sehr unsicher, und laut den Cochrane-Fachleuten wurden Sicherheitsbedenken geäussert – über eine solche Behandlung sollte deshalb nur nach einer augenärztlichen Abklärung entschieden werden. Das Fazit der Cochrane-Fachleute: Die Behandlungen können das Fortschreiten bremsen, die Ergebnisse sind jedoch uneinheitlich, und ob der Effekt über Jahre anhält, ist offen.

Was du konkret tun kannst

  • Ab ins Tageslicht: Plane für Kinder viel Zeit draussen ein – Studien sprechen für rund zwei Stunden täglich. Es muss kein Sport sein; Spielen im Freien zählt.
  • Pausen bei Naharbeit: Nicht bewiesen, aber einfach umzusetzen: regelmässige Pausen beim Lesen und am Bildschirm, kein allzu kurzer Abstand – und die tägliche Bildschirmzeit im Blick behalten.
  • Früh untersuchen lassen: Gerade wenn Eltern kurzsichtig sind, kann eine augenärztliche Untersuchung des Kindes sinnvoll sein. Ob eine Myopie-Kontrolle infrage kommt, hängt unter anderem vom Alter und vom Tempo der Zunahme ab – das gehört in augenärztliche Hände.

In der Augenheilkunde von My Laser Vision in Wallisellen gehören ein Kinder-Check-up sowie die Bestimmung von Sehschärfe und Dioptrien zu den Basisuntersuchungen.

Quellen

  1. Holden BA et al. — Global Prevalence of Myopia and High Myopia and Temporal Trends from 2000 through 2050, Ophthalmology (2016) (öffnet in neuem Tab)
  2. Williams KM et al. — Prevalence of refractive error in Europe: the European Eye Epidemiology (E3) Consortium, European Journal of Epidemiology (2015) (öffnet in neuem Tab)
  3. Morgan IG et al. (International Myopia Institute) — IMI Risk Factors for Myopia, Investigative Ophthalmology & Visual Science (2021) (öffnet in neuem Tab)
  4. He M et al. — Effect of Time Spent Outdoors at School on the Development of Myopia Among Children in China: A Randomized Clinical Trial, JAMA (2015) (öffnet in neuem Tab)
  5. Haarman AEG et al. — The Complications of Myopia: A Review and Meta-Analysis, Investigative Ophthalmology & Visual Science (2020) (öffnet in neuem Tab)
  6. Lawrenson JG et al. (Cochrane) — Interventions for myopia control in children: a living systematic review and network meta-analysis (2025) (öffnet in neuem Tab)
  7. Ha A et al. — Digital Screen Time and Myopia: A Systematic Review and Dose-Response Meta-Analysis, JAMA Network Open (2025) (öffnet in neuem Tab)
  8. National Eye Institute (NIH) — Retinal Detachment (2025) (öffnet in neuem Tab)

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine augenärztliche Untersuchung oder Beratung. Bei plötzlichen Sehstörungen, Lichtblitzen, einem Schatten im Gesichtsfeld oder starken Augenschmerzen wende dich bitte sofort an eine Augenärztin, einen Augenarzt oder eine Notfallstation.

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