Grundlagen

Brillenpass lesen: Sphäre, Zylinder, Achse und PD erklärt

Was bedeuten Sph, Zyl, Achse, Add und PD? So liest du deinen Brillenpass – und warum Kontaktlinsenwerte über ±4 dpt davon abweichen.

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Auf den ersten Blick sieht ein Brillenpass – auch Brillenrezept oder Brillenverordnung genannt – aus wie ein Code: Kürzel, Plus- und Minuszeichen, Zahlen mit zwei Nachkommastellen. Die Werte beschreiben nicht dein Auge selbst, sondern das Glas, das seinen Brechungsfehler ausgleicht – getrennt für rechts und links. Dafür stehen R und L oder, wie die American Academy of Ophthalmology (AAO) erklärt, lateinisch OD (oculus dexter, rechts) und OS (oculus sinister, links).

Die Kürzel auf einen Blick

KürzelBedeutungBeispiel
R / L oder OD / OSrechtes / linkes AugeR
SphSphäre: Grundstärke des Glases in Dioptrien (dpt)−2,50
Zyl (Cyl)Zylinder: Korrektur einer Stabsichtigkeit (Astigmatismus)−0,75
A (Achse)Ausrichtung des Zylinders, 1 bis 180 Grad170
AddAddition: zusätzliche Plusstärke für die Nähe+2,00
Prisma / Basisprismatische Korrektur und ihre Richtung1,0 Basis innen
PDPupillendistanz in Millimetern32 / 30

Die Einheit Dioptrie ist der Kehrwert der Brennweite in Metern: Ein Glas mit 2 dpt hat eine Brennweite von 50 cm, wie ein Optik-Skript der University of Iowa vorrechnet.

Sphäre: Was Plus und Minus bedeuten

Ein Minus steht für ein Zerstreuungsglas und damit für Kurzsichtigkeit, ein Plus für ein Sammelglas und Weitsichtigkeit.

Bei Kurzsichtigkeit gilt eine Faustregel: 1 geteilt durch die Dioptrienzahl ergibt ungefähr die Distanz in Metern, bis zu der dein Auge unkorrigiert scharf sieht (Fernpunkt). Bei −2 dpt liegt er bei etwa 50 cm, bei −5 dpt nur noch bei rund 20 cm. Das gilt vereinfacht für Werte ohne Zylinder.

Wo beginnt Kurzsichtigkeit? Das International Myopia Institute (IMI) hat 2019 einheitliche Schwellen vorgeschlagen. Massgebend ist nicht die Sphäre allein, sondern das sphärische Äquivalent, also Sphäre plus halber Zylinder (zum Zylinder weiter unten mehr): kurzsichtig ab −0,50 dpt, hoch kurzsichtig ab −6,00 dpt, jeweils bei entspannter Naheinstellung. Ein Pass mit Sph −0,25 und Zyl −1,00 ergibt so −0,75 dpt und erfüllt die Definition, obwohl die Sphäre allein die Schwelle nicht erreicht. Wie verbreitet Fehlsichtigkeiten sind, zeigt eine Meta-Analyse im Journal of Current Ophthalmology (2018): Geschätzt waren weltweit rund 27 Prozent der Erwachsenen über 30 kurzsichtig und rund 31 Prozent weitsichtig (über +0,5 dpt).

Was im Auge optisch passiert

Für ein scharfes Bild muss das Licht genau auf der Netzhaut gebündelt werden; das vereinfachte Rechenmodell eines normalsichtigen Auges braucht dafür rund 60 dpt. Den Hauptteil liefert nicht die Linse, sondern die Hornhaut: Laut einer Übersichtsarbeit im Indian Journal of Ophthalmology (2018) steuert sie etwa 40 bis 44 dpt bei, rund 70 Prozent. Die Linse ergänzt den Rest und kann sich zusätzlich stärker wölben, um in der Nähe scharfzustellen (Akkommodation).

  • Kurzsichtigkeit (Myopie): Das Licht wird vor der Netzhaut gebündelt. Das Auge ist zu lang, oder Hornhaut oder Linse brechen zu stark. Schon 1 mm zusätzliche Augenlänge entspricht rechnerisch etwa 3 dpt Kurzsichtigkeit.
  • Weitsichtigkeit (Hyperopie): Der Brennpunkt läge hinter der Netzhaut, weil das Auge zu kurz ist oder zu schwach bricht. Junge Augen gleichen das häufig mit Akkommodation aus: Bei +2 dpt und 4 dpt Akkommodation bleibt die Ferne scharf, die Nähe aber erst ab etwa 50 cm. Mit den Jahren kann dieser Ausgleich zunehmend wegfallen.
  • Stabsichtigkeit (Astigmatismus): Häufig ist die Hornhaut nicht rund gewölbt wie ein Fussball, sondern eher wie ein Rugbyball: in einer Richtung stärker gekrümmt. Statt eines Brennpunkts entstehen zwei Brennlinien, das Bild wird unscharf. Auch eine ungleichmässig geformte Linse kann dazu beitragen; der Zylinder auf dem Brillenpass gleicht die Summe aus.

Zylinder und Achse richtig deuten

Der Zylinder gibt an, wie stark die Stabsichtigkeit korrigiert wird, die Achse, in welcher Richtung. Die Achse ist eine Winkelangabe zwischen 1 und 180 Grad, häufig dreistellig notiert (090 statt 90) – eine hohe Achszahl bedeutet also nicht mehr Astigmatismus.

Ein Zylinder ist nichts Ungewöhnliches: In der erwähnten Meta-Analyse hatten geschätzt rund 40 Prozent der über 30-Jährigen einen Zylinder von mehr als 0,5 dpt.

Derselbe Wert kann mit Minus- oder Pluszylinder notiert sein, je nach Gewohnheit der Fachperson. Die Umrechnung: Sphäre und Zylinder addieren (ergibt die neue Sphäre), das Vorzeichen des Zylinders umdrehen und die Achse um 90 Grad drehen. So beschreiben +3,00 / −2,00 / 060 und +1,00 / +2,00 / 150 dasselbe Glas.

Addition, Prisma und PD

Die Addition ist eine zusätzliche Plusstärke für die Nähe, etwa für Gleitsicht-, Bifokal- oder Lesebrillen. Nötig wird sie, wenn die Linse an Elastizität verliert und die Naheinstellung nachlässt; die AAO nennt als Beispiel Menschen über 40, die zum Lesen keine zweite Brille möchten. Mehr dazu im Ratgeber Alterssichtigkeit.

Ein Prisma steht nur bei manchen Menschen auf dem Pass, vor allem bei Doppelbildern: Es lenkt das Licht so um, dass beide Augen wieder ein gemeinsames Bild liefern. Die Basis gibt die Richtung an, zum Beispiel innen, aussen, oben oder unten. Wichtig: Treten Doppelbilder plötzlich neu auf, sollten sie laut dem britischen Gesundheitsdienst NHS dringend ärztlich abgeklärt werden. Kommen starke Kopfschmerzen oder eine erweiterte Pupille dazu oder folgen sie auf eine Kopfverletzung, ist es ein Notfall.

Die PD (Pupillendistanz) ist der Abstand zwischen den Pupillen in Millimetern, oft getrennt pro Auge angegeben, etwa 32 / 30. Davon hängt ab, wo die optische Mitte jedes Glases sitzt. Liegt sie daneben, entsteht ein ungewollter Prismeneffekt – nach der Prentice-Regel bei 6 dpt und 2 mm Abweichung schon rund 1,2 Prismendioptrien. Für die Nähe ist die PD kleiner, weil die Augen beim Lesen nach innen schwenken – bei 40 cm Leseabstand rechnerisch knapp 2 mm pro Auge.

Brille oder Kontaktlinse: Warum die Werte abweichen

Eine Brille sitzt etwa 12 bis 14 mm vor der Hornhaut, eine Kontaktlinse direkt darauf. Diese Distanz heisst Hornhautscheitelabstand (HSA). Weil ein Glas je nach Abstand anders wirkt, brauchen Kurzsichtige in der Kontaktlinse weniger Minus und Weitsichtige mehr Plus als in der Brille. Bei kleinen Werten fällt das kaum ins Gewicht; laut Weiterbildungsunterlagen der US-amerikanischen National Academy of Opticianry wird bei Kontaktlinsen über ±4 dpt umgerechnet. Bei Brillengläsern über etwa ±7 dpt kann schon ein veränderter Sitz der Brille die Wirkung so stark verschieben, dass Fachleute umrechnen.

Rechnerisch ergibt sich bei 12 mm Abstand zum Beispiel:

BrilleKontaktlinse (rechnerisch)
−2,00 dpt−1,95 dpt
−4,00 dpt−3,82 dpt
−8,00 dpt−7,30 dpt
−12,00 dpt−10,49 dpt
+8,00 dpt+8,85 dpt
+12,00 dpt+14,02 dpt

Die Tabelle ersetzt keine Kontaktlinsenanpassung: Ein Kontaktlinsenpass enthält zusätzlich Angaben wie Basiskurve (BC) und Durchmesser.

Eine überraschende Folge: Kurzsichtige müssen mit Kontaktlinsen in der Nähe etwas stärker akkommodieren als mit Brille. Vor allem bei höheren Werten kann es deshalb sein, dass jemand mit Brille noch gut liest, mit Kontaktlinsen aber schon eine Lesehilfe braucht. Bei Weitsichtigen ist es umgekehrt.

Was der Brillenpass nicht verrät

Die Zahlen beschreiben nur die optische Korrektur. Über die Gesundheit von Netzhaut, Sehnerv oder Augeninnendruck sagen sie nichts; das klärt eine augenärztliche Untersuchung. Bei starker Kurzsichtigkeit ist das besonders relevant: Laut dem US-amerikanischen National Eye Institute (NEI) erhöht sie das Risiko einer Netzhautablösung.

Warnzeichen: Viele neue Punkte oder «Mücken» im Sichtfeld, Lichtblitze oder ein dunkler Schatten beziehungsweise Vorhang im Gesichtsfeld sind laut NEI ein Notfall. Dann sofort in eine augenärztliche Praxis oder auf die Notfallstation. Mehr dazu im Ratgeber Lichtblitze und Russregen.

Wer kurzsichtig ist und einen ersten groben Anhaltspunkt möchte, kann den Online-Sehtest ausprobieren – eine Schätzung, keine Messung. Ob Augenlasern oder ein anderes refraktives Verfahren für dich infrage kommt, lässt sich am Brillenpass allein nicht ablesen. Klären lässt sich das bei My Laser Vision in einer kostenlosen Voruntersuchung von rund 30 Minuten.

Quellen

  1. American Academy of Ophthalmology (D. Porter) — How to Read an Eyeglasses Prescription (2023) (öffnet in neuem Tab)
  2. Wilkinson ME, Shahid KS — Optics Review. University of Iowa, Department of Ophthalmology and Visual Sciences (2017) (öffnet in neuem Tab)
  3. Sridhar MS — Anatomy of cornea and ocular surface. Indian Journal of Ophthalmology (2018) (öffnet in neuem Tab)
  4. Flitcroft DI, He M, Jonas JB et al. — IMI: Defining and Classifying Myopia. Investigative Ophthalmology & Visual Science (2019) (öffnet in neuem Tab)
  5. Hashemi H, Fotouhi A, Yekta A et al. — Global and regional estimates of prevalence of refractive errors: Systematic review and meta-analysis. Journal of Current Ophthalmology (2018) (öffnet in neuem Tab)
  6. National Academy of Opticianry (A. S. Bruce) — The Influence of Lens Position on Effective Power, ABO/NCLE-approved course (2025) (öffnet in neuem Tab)
  7. National Eye Institute (NIH) — Retinal Detachment (2025) (öffnet in neuem Tab)
  8. National Health Service (NHS) — Double vision (2024) (öffnet in neuem Tab)

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine augenärztliche Untersuchung oder Beratung. Bei plötzlichen Sehstörungen, Lichtblitzen, einem Schatten im Gesichtsfeld oder starken Augenschmerzen wende dich bitte sofort an eine Augenärztin, einen Augenarzt oder eine Notfallstation.

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