Grundlagen

Alterssichtigkeit (Presbyopie): Ursachen, Verlauf, Optionen

Mit 20 Jahren liegt der Nahpunkt bei etwa 10 cm, mit 50 bei rund 50 cm. Warum die Linse steifer wird, was Kurzsichtige anders erleben und was hilft.

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Irgendwann trifft es fast alle: Die Speisekarte verschwimmt, das Handy wandert immer weiter vom Gesicht weg, und die Arme scheinen plötzlich zu kurz zum Lesen. Dahinter steckt keine Krankheit, sondern Alterssichtigkeit – in der Fachsprache Presbyopie, abgeleitet vom griechischen Ausdruck für «altes Auge».

Was in der Linse passiert

Um zwischen Ferne und Nähe umzustellen, passt dein Auge seine Brechkraft an – das nennt sich Akkommodation. Die Augenlinse hängt dabei an feinen Zonulafasern. Das Verblüffende daran: Zum Nahsehen spannt sich der ringförmige Ziliarmuskel an. Dadurch lockern sich die Fasern, und die elastische Linse kann sich stärker wölben – ihre Brechkraft steigt.

Genau diese Verformbarkeit geht mit den Jahren verloren; laut der American Academy of Ophthalmology (AAO) wird die Linse ab etwa 40 merklich starrer. Wie stark, zeigte 2004 eine australische Laborstudie an 18 Spenderlinsen von Menschen zwischen 14 und 76 Jahren: Über diese Spanne nahm die Steifigkeit des Linsenkerns im Schnitt um den Faktor 450 zu, jene der äusseren Linsenrinde etwa um den Faktor 20. Der Wassergehalt des Kerns blieb dagegen praktisch gleich – die Linse «trocknet» also nicht einfach aus. Als Gründe gelten unter anderem Linseneiweisse, die mit der Zeit verzuckern (Glykation) und sich vernetzen, sowie das Dickerwerden der Linse.

Messbar wird das am Nahpunkt, also an der kürzesten Distanz, auf die du noch scharf stellen kannst. Laut dem medizinischen Nachschlagewerk StatPearls liegt er mit 20 Jahren bei etwa 10 Zentimetern, mit 50 bei ungefähr 50 Zentimetern – und damit jenseits der gewohnten Leseentfernung.

Wann sie beginnt und wen sie trifft

Die meisten bemerken die ersten Anzeichen kurz nach dem 40. Geburtstag. Typisch sind:

  • Du hältst Bücher, Etiketten oder das Handy weiter weg, um sie scharf zu sehen.
  • Bei schwachem Licht oder nach längerem Lesen fällt das Nahsehen schwerer.
  • Die Augen ermüden schneller, manche bekommen Kopfschmerzen.

Um das 60. Lebensjahr ist Alterssichtigkeit laut StatPearls nahezu universell. Weltweit gehen Schätzungen von rund 1,8 Milliarden Betroffenen aus, bis 2030 dürften es über 2,1 Milliarden sein. Der Verlauf ist schleichend: Anfangs genügt oft eine Lesekorrektur von +0,75 bis +1,25 Dioptrien, nach dem 55. Lebensjahr sind häufig +2,50 Dioptrien oder mehr nötig. Aufhalten lässt sich die Alterung der Linse laut AAO nicht; gutes Licht und grössere Schrift auf Bildschirmen erleichtern laut StatPearls aber die Naharbeit.

Übrigens: Alterssichtigkeit ist nicht dasselbe wie Weitsichtigkeit (Hyperopie), auch wenn oft von «Altersweitsichtigkeit» die Rede ist. Weitsichtige spüren sie aber häufig früher.

Warum Kurzsichtige sie anders erleben

Bei Kurzsichtigen ist das unkorrigierte Auge ohnehin auf kurze Distanzen eingestellt. Viele nehmen deshalb zum Lesen einfach die Brille ab oder schauen über den Brillenrand – und bemerken die Alterssichtigkeit dadurch später oder weniger deutlich.

Geschützt sind sie trotzdem nicht: Ihre Linse altert genauso, und mit Brille oder Kontaktlinsen für die Ferne stehen sie in der Nähe vor demselben Problem wie alle anderen.

Die Möglichkeiten im Überblick

Die AAO nennt diese Optionen; welche passt, hängt von deinen Augen, deinem Alltag und deinen Erwartungen ab:

OptionSo funktioniert es
LesebrilleEinstärkengläser für die Nähe; passend vor allem, wenn du sonst gut siehst
Bifokal- oder GleitsichtbrilleFern- und Nahbereich in einem Glas; Gleitsichtgläser decken mit fliessendem Übergang auch mittlere Distanzen wie den Bildschirm ab
Multifokale KontaktlinsenRingförmige Zonen für Ferne, Zwischenbereich und Nähe
MonovisionEin Auge sieht scharf in die Ferne, das andere in die Nähe – mit Kontaktlinsen oder per Laserbehandlung wie LASIK
LinsenaustauschDie eigene Linse wird durch eine Kunstlinse ersetzt, zum Beispiel eine multifokale
AugentropfenVerschreibungspflichtige Tropfen, die die Pupille verengen (siehe unten)

Lesebrille: Fertige Lesebrillen sind leicht erhältlich; die passende Stärke solltest du laut AAO aber bei einer Augenuntersuchung bestimmen lassen. Stärker ist dabei nicht besser: Eine eher knapp bemessene Korrektur lässt der verbliebenen Akkommodation Spielraum und vergrössert die Schärfentiefe.

Monovision: Meist übernimmt das dominante Auge die Ferne. Das Gehirn muss sich laut AAO erst daran gewöhnen, und laut StatPearls können räumliches Sehen und Kontrastempfinden abnehmen. Die AAO nennt deshalb die Möglichkeit, Monovision zuerst mit Kontaktlinsen auszuprobieren, bevor du dich für eine Laserbehandlung wie LASIK entscheidest.

Linsenaustausch: Beim refraktiven Linsenaustausch sollen multifokale Kunstlinsen scharfes Sehen in mehreren Distanzen ermöglichen. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit von 2016 wertete dazu 20 randomisierte Studien mit 2’061 Teilnehmenden aus – allerdings bei Operationen am Grauen Star, bei denen ebenfalls die Linse ersetzt wird. Mit multifokaler Kunstlinse waren die Operierten seltener auf eine zusätzliche Brille angewiesen und sahen in der Nähe tendenziell besser, in der Ferne ähnlich gut wie mit einer Einstärkenlinse. Dafür berichteten sie gut dreieinhalbmal so häufig über Halos (Lichtringe um Lichtquellen) und häufiger über Blendung. Ob der Gewinn diese Nachteile aufwiegt, hängt laut dem Cochrane-Team vermutlich davon ab, wie wichtig es dir ist, weniger auf eine Brille angewiesen zu sein. Laut StatPearls können multifokale Kunstlinsen zudem das Kontrastsehen verringern, vor allem bei schwachem Licht.

Dazu kommt: Der Linsenaustausch ist eine Operation im Auge, bei der eine noch klare Linse entfernt wird. Eine Übersichtsarbeit aus 40 Studien kam 2025 zum Schluss, dass danach möglicherweise etwa doppelt so häufig eine Netzhautablösung auftritt wie nach einer Grauer-Star-Operation (bei mindestens zwei Jahren Nachbeobachtung). Nach einer später veröffentlichten Korrektur der Autoren betrifft das nach einem Linsenaustausch rund 1 von 50 Augen, nach einer Grauer-Star-Operation knapp 1 von 100. Die Datenlage ist allerdings begrenzt, und weil vermutlich überdurchschnittlich viele kurzsichtige Augen eingeschlossen waren, könnten die Werte zu hoch liegen. Eine gründliche Voruntersuchung und Aufklärung gehören deshalb dazu.

Augentropfen: was sie können und was nicht

Im Oktober 2021 hat die US-Arzneimittelbehörde FDA Augentropfen speziell gegen Alterssichtigkeit zugelassen: 1,25-prozentiges Pilocarpin, zunächst unter dem Namen Vuity; laut AAO gibt es in den USA inzwischen auch Tropfen mit dem Wirkstoff Aceclidin. Die Tropfen verengen die Pupille, wodurch das Auge in der Nähe leichter scharf sieht. Die Wirkung hält laut AAO bis zu etwa sechs Stunden an, und die Tropfen müssen täglich angewendet werden.

Laut FDA-Fachinformation gewannen in zwei Zulassungsstudien mit 750 Teilnehmenden zwischen 40 und 55 Jahren nach 30 Tagen – jeweils drei Stunden nach dem Tropfen – 31 beziehungsweise 26 Prozent mindestens drei Zeilen auf der Nahsehtafel bei gedämpftem Licht, mit wirkstofffreien Tropfen 8 beziehungsweise 11 Prozent. Am stärksten war der Effekt nach etwa einer Stunde; nach sechs Stunden erreichten nur noch 18 beziehungsweise 16 Prozent diese Verbesserung. Ein Teil profitierte also deutlich, die Mehrheit aber nicht.

Die Fachinformation nennt zudem:

  • Zu den häufigen Nebenwirkungen zählen Kopfschmerzen und gerötete Augen.
  • Das Sehen kann vorübergehend dunkler wirken – Vorsicht beim Autofahren in der Nacht und bei schlechtem Licht.
  • Selten wurden Netzhautrisse und Netzhautablösungen berichtet; vor Therapiebeginn wird eine Untersuchung der Netzhaut empfohlen.

An der Ursache ändern die Tropfen nichts. Die genannten Zulassungen betreffen die USA; ob solche Tropfen für dich infrage kommen, gehört in die augenärztliche Sprechstunde.

Wann du ärztlichen Rat suchen solltest

Eine Untersuchung lohnt sich, wenn das Nahsehen zunehmend mühsam wird – auch weil nicht jedes Nahsehproblem Alterssichtigkeit ist: Fachleute grenzen etwa eine unerkannte Weitsichtigkeit oder trockene Augen davon ab. Lass es zudem rasch abklären, wenn die Nahsicht plötzlich oder schon deutlich vor 40 nachlässt oder Doppelbilder auftreten – das passt nicht zum typischen, schleichenden Verlauf. Hellhörig werden solltest du, wenn du im höheren Alter nach und nach wieder besser in der Nähe siehst, obwohl du vorher eine Lesehilfe gebraucht hast. Das kann ein Zeichen für einen beginnenden Grauen Star sein: Der verhärtende Linsenkern kann das Auge in Richtung Kurzsichtigkeit verschieben. Laut StatPearls hält diese «zweite Sicht» nur vorübergehend an.

Bei den folgenden Warnzeichen solltest du sofort eine Augenarztpraxis oder den Notfall aufsuchen – laut dem US-amerikanischen National Eye Institute können sie auf eine Netzhautablösung hinweisen:

  • viele neue dunkle Punkte oder Fäden im Blickfeld
  • Lichtblitze in einem oder beiden Augen
  • ein dunkler Schatten oder «Vorhang» am Rand oder in der Mitte des Gesichtsfelds

Auch ein plötzlicher Sehverlust ist ein Notfall. Mehr dazu liest du im Ratgeber zu Lichtblitzen und Russregen.

Bei My Laser Vision in Wallisellen gehört die Bestimmung von Sehschärfe und Dioptrien zu den Basisuntersuchungen der Augenheilkunde; wer einen Linsenaustausch erwägt, kann vorab eine kostenlose Voruntersuchung von rund 30 Minuten vereinbaren.

Quellen

  1. American Academy of Ophthalmology — Presbyopia (2026) (öffnet in neuem Tab)
  2. Singh P, Zeppieri M, Tripathy K — Presbyopia. StatPearls, NCBI Bookshelf (2025) (öffnet in neuem Tab)
  3. Motlagh M, Geetha R — Physiology, Accommodation. StatPearls, NCBI Bookshelf (2022) (öffnet in neuem Tab)
  4. Heys KR, Cram SL, Truscott RJW — Massive increase in the stiffness of the human lens nucleus with age: the basis for presbyopia? Molecular Vision (2004) (öffnet in neuem Tab)
  5. de Silva SR, Evans JR, Kirthi V, Ziaei M, Leyland M — Multifocal versus monofocal intraocular lenses after cataract extraction. Cochrane Database of Systematic Reviews (2016) (öffnet in neuem Tab)
  6. Passaro ML, Kilic D, Virgili G et al. — Retinal detachment incidence in refractive lens exchange versus cataract surgery: uncommon versus rare. Systematic review and meta-analysis. British Journal of Ophthalmology 109(7):756–764 (2025), mit Korrektur der Autoren, British Journal of Ophthalmology 110(3):e1 (2026) (öffnet in neuem Tab)
  7. U.S. Food and Drug Administration — Drugs@FDA: VUITY (pilocarpine hydrochloride ophthalmic solution 1.25%), NDA 214028 – approval history, prescribing information and marketing status (2021/2023) (öffnet in neuem Tab)
  8. National Eye Institute (NIH) — Retinal Detachment (2025) (öffnet in neuem Tab)

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine augenärztliche Untersuchung oder Beratung. Bei plötzlichen Sehstörungen, Lichtblitzen, einem Schatten im Gesichtsfeld oder starken Augenschmerzen wende dich bitte sofort an eine Augenärztin, einen Augenarzt oder eine Notfallstation.

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